Rezensionen zu Spielmanns Fluch

ER WEISS, WOVON ER SCHREIBT

„Es ist eine Wohltat, wenn ein Autor historischer Romane weiß, wovon er schreibt. Das ist bei Jörgen Bracker der Fall. Ob es die Hamburger Geschichte betrifft oder das Wesen des Schiffbaus und -verkehrs, Bracker ist hier wie dort zu Hause. Und das spürt man bei seinem Roman SPIELMANNS FLUCH in jeder Zeile. … Das Thema des Romans könnte aktueller kaum sein: Es geht um große Geschäfte, um Korruption und Waffenschmuggel. Und da der Roman in Hamburg spielt, damals wie heute eine der bedeutendsten Handelsmetropolen und Warenumschlagplätze, ist es internationaler Waffenhandel in ganz großem Stil. Zudem versprechen die aktuellen politischen Ereignisse hohe Gewinne: Der Roman beginnt 1620, der Zeit des Dreißigjährigen Krieges… Seine bildhafte Sprache macht die Lektüre zu einem großen Genuss. „Die Dunkelheit leugnete den Beginn des Tages. Eine Wolkendecke bis zum Horizont drückte jeden Tatendrang zu Boden. Ein schneidender Nordostenwind fegte durch die Straßen, ließ die Fenster klirren, die Türen rappeln. Und er, Jonas, musste hinaus zum Oberhafen und auf die Elbe!“
Ilka Stitz, Histo Journal

 

14. 08. 2016

Dr. Andreas Hüser NEUE KIRCHENZEITUNG – Die Woche im Erzbistum Hamburg,  Nr. 33  S.11:

„Hamburg im Dreißigjährigen Krieg. Von dem Völkergemetzel blieb die Hansestadt verschont. Dank kluger Politik, so lautet die offizielle Lesart. Welche Interessen sonst noch eine Rolle spielten, davon erzählt der Archäologe und Historiker Jörgen Bracker in seinem Roman „Spielmanns Fluch“.
Am 2. Juli 1622 kam es auf der Elbe bei Neumühlen zu einem spektakulären Unglück. Ein Handelsschiff explodierte, alle Besatzungsmitglieder (und Gäste) fanden den Tod. Historische Bilder, etwa der Kupferstich von Johann Janssonius zeigen das Unglück.
350 Jahre später kamen bei Baggerarbeiten Teile eines Schiffswracks zu Tage. Prof. Dr. Jörgen Bracker Archäologe und seinerzeit Leiter des Museums für Hamburgische Geschichte, ließ systematisch weiter suchen. Sein Verdacht bestätigte sich. Es handelte sich um das Schiff, das mitten im Dreißigjährigen Krieg aus unbekanntem Grund in die Luft geflogen war.
Was die Forscher noch entdeckten: Zur Ladung gehörten leichte Gewehre, die seinerzeit neu und heiß begehrt waren. Die Kraweel, schloss der Wissenschaftler, gehörte zu den vielen Schiffen, die Waffen und Munition zu den Schlachtfeldern Europas schmuggelten. Aber warum war das Schiff in die Luft geflogen? Gab es Gründe, warum beim Salutschießen ein Geschütz barst? Sabotage vielleicht? Man kann das nicht wissen. Aber man kann es erzählen. Jörgen Bracker hat nach dem Störtebekerroman „Die Reliquien von Lissabon“ jetzt einen neuen Historischen Hamburg-Roman geschrieben. „Spielmanns Fluch“ spielt in der Anfangsphase des Dreißigjährigen Krieges. Die Hauptperson ist ein geheimnisvoller Spielmann namens Václav, Calvinist und Sohn des in Prag ermordeten Phlosophen Jan Jessenius.
Wie im Dreißigjährigen Krieg spielt auch im Roman die Kirchenfeindschaft eine große Rolle. In Hamburg herrschen die Lutheraner. Calvinisten oder Katholiken sind nur dann geduldet, wenn sie Geld haben oder besondere Fähigkeiten wie der calvinistische Festungsbauer Johann van Valckenburgh. Er ist eine weitere Hauptfigur im Roman. Noch während der Bauarbeiten bricht von Lüneburg der „Tolle Christian“, Herzog von Braunschweig und Wolfenbüttel, in die Vierlande ein und verwüstet die ungeschützten Bauernhöfe.EinFndelkind namens Jonas kann die plündernden Lüneburger überlisten. Seine Herkunft ist so rätselhaft wie sein südländisches Aussehen. Jonas steht in merkwürdiger Beziehung zu einem Bild des Heiligen Georg. Das Heiligenbild trägt seine Gesichtszüge.
Mit Mut und List gelingt es dem Jungen, die Lüneburger Horden zurück zu zwingen. Er wird zum Adjutanten des Festzungsbaumeisters und wird mit geheimen Missionen beauftragt.
Seine einzige Schwäche ist die Liebe zu dem plötzlich auftauchenden Spielmann Václav. Der Flüchtling aus Prag kann wunderschöne Lieder des Komponisten John Dowland singen. Dass er noch mehr im Schilde führt, ahnt Jonas nicht.
Inzwischen braut sich ein Gewitter über Hamburg zusammen. Der calvinistische „Winterkönig“ Fridrich V. hat Zuflucht in der Stadt gesucht, ein Rachefeldzug der Katholiken ist mehr wahrscheinlich. Hamburg gehört zwar zum lutherisch-protestantischen Lager, will sich aber nicht in den Krieg hineinziehen lassen. Und im Hintergrund stehen Interessen, die mit Religion nichts zu tun haben. Jörgen Bracker: „Die Stadt war ein Umschlagplatz für moderne Waffen, zum Bespiel Arkebusen, die plötzlich in ganz Europa gefragt waren. Die Kaufleute hatten auch keine Probleme, an die katholischen Spanier zu liefern, obwohl die Holländer mit Kriegsschiffen die Elbe kontrollierten.“ So blieb für den Waffenexport nur ein Weg: Schmuggel mit getarnten Handelsschiffen über die Elbe, mit Schiffen wie der „Hillighen Georg, die am 2. Juli 1622 in die Luft flog.
Am Ende des Dreißigjährigen Krieges war die Bevölkerung Deutschlands um die Hälfte geschrumpft. Besonders heftig hatte der Krieg etwa in Mecklenburg gewütet.“Hamburg dagegen gehörte zu den Gewinnern des Krieges“, sagt Historiker Bracker. Am Ende hatte die Stadt ihre Größe und Einwohnerzahl verdoppelt. Der Roman „Spielmanns Fluch“ kombiniert historische Daten und Personen mit erfundenen Akteuren. Er wirft einen Blick auf das komplizierte Interessengeflecht der Zeit und auch auf die religiöse Intoleranz, die es in Hamburg ebenso gab wie anderswo. Nur eben unter der Devise: „Das Geschäft bestimmt die Religionspolitik.“