16 July 2009

The Murdered Cembalo

On 31 May 1708 an „Imperial Commission“ of Emperor Josef from Vienna arrived at Hamburg. Its task was to re-establish public order and to end the chaos in the city. Magistrates and some cranky clerics had called for a revolt against the council. Rioters already had begun to terrorise citizens. Bevor die Wiener Commission eingreifen konnte, wurde u. a. die Werkstatt der Cembalobauer Carl Conrad und Johann Christoph Fleischer zerstört. Sie fiel einer „Bönhasenjagd“ der Tischler-Amtsmeister zum Opfer, da die Instrumentenbauer verständlicherweise alle Holzarbeiten an den Instrumenten selber ausführten und darum als schäbige Konkurrenten der Tischler hingestellt wurden. Die Fleischerbrüder wurden zu den sog. Freimeistern gerechnet, die mit Willen des Rates in der Vorstadt angesiedelt worden waren, um das Preismonopol der Amtsmeister zu brechen.

Erst 1716 und nach Eingreifen der Wiener Commission konnte ein wunderbares Instrument gebaut werden, das heute noch existiert, ein von Carl Conrad Fleischer erbautes und signiertes Cembalo. Welche Schwierigkeiten der Fertigstellung vorausgegangen sein mochten, ist Thema der Erzählung „Das gemordete Cembalo“. Sie beginnt mit einer fiktiven Übergabe des fertigen Instruments in feierlichem Rahmen und in Anwesenheit bedeutender historischer Persönlichkeiten, der großen damals in Hamburg zusammenwirkenden Musiker und Dichter: Johann Mattheson, Komponist bedeutender Opern und Oratorien, der junge Sänger und Opernkomponist aus Bergedorf Johann Adolf Hasse, Vincent Lübeck, Organist an der größten Hamburger Orgel in St. Nikolai und schließlich der Ratsherr und Lyriker von Weltrang Barthold Hinrich Brockes.

In meiner Zeit als Direktor des Museums für Hamburgische Geschichte habe ich es 1978 in New York entdeckt und nach Hamburg zurückgeholt. Ich habe auch dafür gesorgt, dass es vollkommen restauriert und wieder spielbar gemacht wurde. Es steht im Museum für Hamburgische Geschichte und wird häufig im Rahmen von Konzerten oder für Platteneinspielungen genutzt. Schon seit geraumer Zeit habe ich der Geschichte des Instruments nachgespürt hat, um es mit viel Phantasie in die wirklich große Zeit der Musik in Hamburg zu Beginn des 18. Jahrhunderts einzubinden.

Jörgen Bracker, Das gemordete Cembalo, in: Das steinerne Auge, historischer Episodenroman, hrsg. v. Ruben Wickenhäuser. Bookspot Verlag, München 2009

25 June 2009

Historical Novels and Archaeology

The discovery of the Ubian monument An der Malzmuehle/Muehlenbach in Cologne (1965) was the result of my first excavation for the Roman-Germanic Museum. We knew that at some point below the level of the building site we would discover the south-eastern corner of the ancient Roman city wall, however, we had no clue about the architectural solution for the junction of the eastern and the south-eastern wall in this place. To our surprise we discovered a tower reaching down till the ancient Roman harbour and from the times before the foundation of the Roman Cologne in 50 AD. Dieser Turm war aus mächtigen Bossenquadern auf einer durchgehenden Platte aus einem hygroskopischen Splitt-Mörtelgemisch, das auch unter Wasser abbindet, errichtet worden und markierte die Einfahrt in den Hafen der mit den Römern verbündeten Ubier. Als man um 50 n. Chr die römische Stadt auf dem Grund der älteren Ubiersiedlung konstruierte, wurden die Ost- und die Südmauer über dem Ubierturm, diesen als Fundament nutzend, zusammengeführt.

Die Vorgehensweise des Archäologen, sorgfältig Schicht für Schicht abzutragen, bis die große Entdeckung da ist, erscheint durchaus der des Verfassers historischer Romane vergleichbar. Nur geht dieser den umgekehrten Weg. Er kennt das Ergebnis, darf es aber unter keinen Umständen zu früh verraten, wenn er schreibend den Weg zurück bis zur nichts sagenden Oberfläche der Baustelle rekonstruiert. Dort empfängt er seinen unvoreingenommenen Leser und nimmt den Ahnungslosen mit in die Tiefe, zeigt ihm die sauber geputzten Erdprofile und die noch darinnen steckenden Scherben, die sie datieren. So gönnt er dem Leser weiterführende Hinweise und steigert von Mal zu Mal die Neugier auf die bevorstehende Entdeckung.

Längst hat der Autor den Kern der Geschichte im Kopf. Er kennt alle Quellen zur Sozial- und politischen Geschichte, die lokalen Voraussetzungen. Die Fakten nützen ihm zunächst nichts. Sie müssen erst einmal im Hinterkopf absinken, damit die Phantasie für einen großen Roman freie Bahn findet. Dann geschieht Bedeutendes: das erste Wort wird geschrieben und bleibt stehen. Das eine Wort zieht alle anderen nach sich und zwar nach einer dem Roman innewohnenden Konsequenz. Der Autor könnte versucht sein, eine unverrückbare Gliederung an den Anfang zu stellen und diese minutiös zu exekutieren. Er würde sich gelangweilt durch den Stoff quälen und ein Produkt erzeugen, dem man dies anmerkt. In Wirklichkeit werden alle zuvor gefassten Pläne täglich umgestoßen und verändert, weil den Autor die Feder, die er in der Hand hält, auf wunderbaren Wegen zu nie geahnten Erlebnissen mitreißt. Er beginnt, in der Geschichte, die er gerade schreibt, zu leben. Ein Leben, das wie selbstverständlich in Bahnen verläuft, die nach dem zuvor recherchierten Wissen ausgerichtet sind.

Das Schreiben historischer Romane ist harte Arbeit. Die Geister aber, die man ruft, laden den Schreiber zu herrlichen Abenteuerreisen ein. Vorsicht: Das Schreiben historischer Romane macht süchtig!

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