9. März 2010
Im Dezember ist er in die Kinos gekommen, der neue Störtebekerfilm, der das zweiteilige Osterei des Jahres vergessen macht, jenen unsäglichen Streifen der ARD, in welchem der an sich höchst achtbare Ken Duken den Störtebeker gab. Hatte man jenen Störtebekerfilm noch mit dem Ehrgeiz der historischen Authentizität belastet und war gerade in diesem Punkt kläglich gescheitert, so wird in der neuen Version höchstens gelegentlich an den historischen Störtebeker erinnert. Wenn der Drehbuchautor Matthias Pacht den Titelhelden seine eigene Hinrichtung im Oktober des Jahres 1400 überleben ließ, so hat er dies bestimmt nicht aus meinem 2005 erschienenen Historischen Roman „Zeelander“ abgekupfert, eben weil er sich offenbar von jeder einschlägigen Literatur freizuhalten suchte. Dies wird einem sofort klar, wenn man erkennen muss, dass Goedeke Michels, so Pacht, seinen Freund in letzter Minute vor dem Schwerttod rettet und an seiner Stelle die Rübe hinhält. Goedeke Michels aber wurde an einem solchen Opfertod gehindert, denn er befand sich zu diesem Zeitpunkt noch in Norwegen und wurde erst ein Jahr später von den Kopfgeldjägern der Hanse erwischt, wie schon andere vor mir und ich dies in dem auf „Zeelander“ folgenden Historischen Roman „Die Reliquien von Lissabon“ beschrieben haben. Nun ja, der vornehme Ratsherr Nikolaus Schoke, der realiter als Gerichtsherr die Verfahren über Störtebeker und später über Goedeke Michels leitete, kommt nach Matthias Pachts Drehbuch in der Rolle eines schleimigen Ganoven auch nicht so ganz zu seinem Recht.
Gleichwohl ist ein prachtvoller Mittelalterfilm entstanden, der beste, den ich bisher gesehen habe. Was die Regie (Sven Taddicken) aus Pachts gewiss gut gemeinter Vorlage gemacht hat, ist das Entscheidende, nämlich eine unbekümmerte, beinahe heitere Geschichte von einem Mittelalterhelden, den man nicht unbedingt Störtebeker hätte nennen müssen. Ein besonderes Lob verdienen Ausstattung, Szenen- und Kostümbild (Peter Menne, Nicole Fischnaller). Es gibt keine teuren Nachbauten ganzer Stadtfassaden in Lego-Manier wie bei dem erwähnten zweigeteilten Osterei der ARD. Mit großer Geschicklichkeit werden Gemälde, die zwar einhundert und fünzig oder auch zweihundert Jahre jünger sind, aber doch mit wenigen Änderungen die Verhältnisse um 1400 widerspiegeln, mit den Szenen im Vordergrund kombiniert, ohne dass man die Übergänge bemerkt. Großartig ist die Erfindung des nächtlichen Hafens von Marienhave. Statt das gute Geld für schlechte Nachbauten zu verschwenden, hat man sich überdies der nach Ausgrabungsbefunden sorgfältig rekonstruierten Koggen aus Kiel, Bremen und Campen, sowie der erst in die Zeit des ausgehenden 15. Jahrhunderts gehörigen Kraweel LISA VON LÜBECK bedient. Doch diese passt in sofern wieder ins Bild, als schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts zwei- und dreimastige Schiffe erbaut worden sind. Wie die Schiffe über See bewegt werden, ist ebenfalls nicht zu tadeln. Man merkt, dass hier die Seemannschaft der täglich mit ihren Repliken befassten Museumscrews vernünftigerweise unbehindert zum Zuge kam.
Gut getroffen sind die Ärmlichkeit in ostfriesischen Landen, die verschlammten Gassen und aus Brettern zusammengehauenen Kneipen. Was die an Bord betriebene Ersatzerotik betrifft, so hat sich der Kritiker der FAZ-Sonntagszeitung (Peter Körte am 6.12.2009) umsonst aufgeregt. Wer sich Frauen in jenen Tagen nicht leisten konnte, wie durchweg die Handwerkergesellen an Land oder auch die Seeleute, ewig an Bord, fand nichts dabei, wenn die Männer untereinander vögelten, ohne dass dieses Phänomen etwas mit den modernen Formen der Homoerotik zu tun gehabt hätte. Solche und ähnliche Szenen sind einfach gut gelungen und zeigen in der Tat etwas von spätmittelalterlicher Wirklichkeit.
Zum Schluss noch eine Bemerkung zum Einsatz der Stabringgeschütze. Die Erfindung gab es bereits um 1400, doch ist ihr Einsatz im Kampf gegen die Vitalienbrüder nicht belegt. Dass sie hier am Ende noch ein großes Gepolter anstimmen, ist tatsächlich dem Geschmack des Kinopublikums geschuldet. Aber schon Mozart fand, dass man im letzten Satz einer Symphonie doch ein bisschen Schnedderedeng veranstalten müsse, damit das Publikum zu größerem Applaus animiert werde. Seien Sie man nicht zu kleinlich, Herr Körte!
7. Februar 2010
Eichhauch draußen auf den Feldern —
Raureif friert die Wiesen hart.
Alle Bäume in den Wäldern
Und die Sträucher an den Wegen
Scheinen unter Silberregen
Ganz zu Filigran erstarrt.
Zapfen sprießen von den Rinnen
Sacht zur Erde lange Zeit,
Könnten sich fast noch besinnen,
Wieder auf das Dach zu klettern,
Wenn die Furcht, tief zu zerschmettern,
Ihnen Kraft dazu verleiht.
Auf den Teichen ruhen Decken,
Spiegelglatt, doch voller Macht.
Die beginnen sich zu recken,
Wollen raue Oden singen,
Aus den engen Betten springen,
Dass das Eis in Schollen kracht.
Nennt man nur das Leben „Leben“,
Das sich aus dem Warmen speist?
Wenn vor Kälte Dinge streben
Und am Fenster Blumen sprießen,
Möchtest Du wohl gerne wissen,
Wie man dieses Leben heißt.
Dezember 1957, veröffentlicht in den Schleswiger Nachrichten
16. Juli 2009
Am 31. Mai 1708 traf eine „Kaiserliche Commission“ Kaiser Josefs aus Wien in Hamburg ein. Sie sollte in der Stadt die in ein Chaos verkehrte öffentliche Ordnung wieder herstellen. Zu einem Aufruhr gegen den Rat hatten die Amtsmeister und einige verschrobene Geistliche aufgestachelt. Schon hatten die Aufrührer damit begonnen, die Bevölkerung zu terrorisieren. Bevor die Wiener Commission eingreifen konnte, wurde u. a. die Werkstatt der Cembalobauer Carl Conrad und Johann Christoph Fleischer zerstört. Sie fiel einer „Bönhasenjagd“ der Tischler-Amtsmeister zum Opfer, da die Instrumentenbauer verständlicherweise alle Holzarbeiten an den Instrumenten selber ausführten und darum als schäbige Konkurrenten der Tischler hingestellt wurden. Die Fleischerbrüder wurden zu den sog. Freimeistern gerechnet, die mit Willen des Rates in der Vorstadt angesiedelt worden waren, um das Preismonopol der Amtsmeister zu brechen.
Erst 1716 und nach Eingreifen der Wiener Commission konnte ein wunderbares Instrument gebaut werden, das heute noch existiert, ein von Carl Conrad Fleischer erbautes und signiertes Cembalo. Welche Schwierigkeiten der Fertigstellung vorausgegangen sein mochten, ist Thema der Erzählung „Das gemordete Cembalo“. Sie beginnt mit einer fiktiven Übergabe des fertigen Instruments in feierlichem Rahmen und in Anwesenheit bedeutender historischer Persönlichkeiten, der großen damals in Hamburg zusammenwirkenden Musiker und Dichter: Johann Mattheson, Komponist bedeutender Opern und Oratorien, der junge Sänger und Opernkomponist aus Bergedorf Johann Adolf Hasse, Vincent Lübeck, Organist an der größten Hamburger Orgel in St. Nikolai und schließlich der Ratsherr und Lyriker von Weltrang Barthold Hinrich Brockes.
In meiner Zeit als Direktor des Museums für Hamburgische Geschichte habe ich es 1978 in New York entdeckt und nach Hamburg zurückgeholt. Ich habe auch dafür gesorgt, dass es vollkommen restauriert und wieder spielbar gemacht wurde. Es steht im Museum für Hamburgische Geschichte und wird häufig im Rahmen von Konzerten oder für Platteneinspielungen genutzt. Schon seit geraumer Zeit habe ich der Geschichte des Instruments nachgespürt hat, um es mit viel Phantasie in die wirklich große Zeit der Musik in Hamburg zu Beginn des 18. Jahrhunderts einzubinden.
Jörgen Bracker, Das gemordete Cembalo, in: Das steinerne Auge, historischer Episodenroman, hrsg. v. Ruben Wickenhäuser. Bookspot Verlag, München 2009
25. Juni 2009
Die Entdeckung des Ubiermonuments An der Malzmühle/Mühlenbach in Köln (1965) war das Ergebnis der ersten von mir verantworteten Ausgrabung im Dienste des Römisch-Germanischen Museums. Wir wussten zuvor, dass wir irgendwann unter dem Bauplatzniveau die Südostecke der römischen Stadtmauer finden würden, hatten aber nicht die geringste Ahnung von der architektonischen Lösung für die Zusammenführung der östlichen und der südlichen Mauer an dieser Stelle. Zu unserer Überraschung entdeckten wir in der Tiefe einen bis in den römischen Hafen hinunterreichenden Turm aus der Zeit noch vor der Gründung der Römerstadt um 50 n. Chr. Dieser Turm war aus mächtigen Bossenquadern auf einer durchgehenden Platte aus einem hygroskopischen Splitt-Mörtelgemisch, das auch unter Wasser abbindet, errichtet worden und markierte die Einfahrt in den Hafen der mit den Römern verbündeten Ubier. Als man um 50 n. Chr die römische Stadt auf dem Grund der älteren Ubiersiedlung konstruierte, wurden die Ost- und die Südmauer über dem Ubierturm, diesen als Fundament nutzend, zusammengeführt.
Die Vorgehensweise des Archäologen, sorgfältig Schicht für Schicht abzutragen, bis die große Entdeckung da ist, erscheint durchaus der des Verfassers historischer Romane vergleichbar. Nur geht dieser den umgekehrten Weg. Er kennt das Ergebnis, darf es aber unter keinen Umständen zu früh verraten, wenn er schreibend den Weg zurück bis zur nichts sagenden Oberfläche der Baustelle rekonstruiert. Dort empfängt er seinen unvoreingenommenen Leser und nimmt den Ahnungslosen mit in die Tiefe, zeigt ihm die sauber geputzten Erdprofile und die noch darinnen steckenden Scherben, die sie datieren. So gönnt er dem Leser weiterführende Hinweise und steigert von Mal zu Mal die Neugier auf die bevorstehende Entdeckung.
Längst hat der Autor den Kern der Geschichte im Kopf. Er kennt alle Quellen zur Sozial- und politischen Geschichte, die lokalen Voraussetzungen. Die Fakten nützen ihm zunächst nichts. Sie müssen erst einmal im Hinterkopf absinken, damit die Phantasie für einen großen Roman freie Bahn findet. Dann geschieht Bedeutendes: das erste Wort wird geschrieben und bleibt stehen. Das eine Wort zieht alle anderen nach sich und zwar nach einer dem Roman innewohnenden Konsequenz. Der Autor könnte versucht sein, eine unverrückbare Gliederung an den Anfang zu stellen und diese minutiös zu exekutieren. Er würde sich gelangweilt durch den Stoff quälen und ein Produkt erzeugen, dem man dies anmerkt. In Wirklichkeit werden alle zuvor gefassten Pläne täglich umgestoßen und verändert, weil den Autor die Feder, die er in der Hand hält, auf wunderbaren Wegen zu nie geahnten Erlebnissen mitreißt. Er beginnt, in der Geschichte, die er gerade schreibt, zu leben. Ein Leben, das wie selbstverständlich in Bahnen verläuft, die nach dem zuvor recherchierten Wissen ausgerichtet sind.
Das Schreiben historischer Romane ist harte Arbeit. Die Geister aber, die man ruft, laden den Schreiber zu herrlichen Abenteuerreisen ein. Vorsicht: Das Schreiben historischer Romane macht süchtig!